Presse-Newletter 3 (Februar 2018)

Mehr Forschung für eine bessere Versorgung am Lebensende

Kerstin Paradies
Quelle: privat

Auch wenn eine Krebserkrankung nicht mehr heilbar ist, kann die Palliativmedizin viel für das Wohlbefinden des Patienten tun. Im Interview erklärt Dr. Bernd Oliver Maier, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, die Chancen und Herausforderungen einer guten palliativmedizinischen Versorgung.

2015 erschien das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland. Was hat das Gesetz bewirkt?
An vielen Stellen ist eine Sensibilisierung für bestimmte Palliativthemen erfolgt. Aber wir befinden uns derzeit noch in der Konkretisierung, der Erarbeitung der Umsetzung. Vom Gesetz kommt in der realen Versorgung, damit meine ich sowohl die Leistungserbringer als auch die Patienten und ihre Angehörigen, noch zu wenig an.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Speziell in der Onkologie gibt es mittlerweile genügend Evidenz, die den Nutzen eines frühzeitigen Einsatzes der Palliativmedizin belegt, genau dann, wenn der Patient die Diagnose „unheilbar krank“ erhält. Trotzdem ist es bislang nicht geglückt, verbindliche Strukturen dafür zu schaffen, damit diese frühzeitige palliativmedizinische Versorgung auch beim Patienten ankommt. Und im Bereich der Krankenhausversorgung stockt zum Beispiel der Auf- und Ausbau von Palliativdiensten, der explizit im Gesetz im Einvernehmen mit der Fachgesellschaft gefordert war ‒ die Kostenträger reagieren zögerlich bei den Abschlüssen.

Gibt es genügend Palliativmediziner in Deutschland?
Die Anzahl der Ärzte mit einer Zusatzausbildung in Palliativmedizin beträgt mittlerweile fast 11.000, wobei wir damit immer noch im Bereich der Defizitdeckung sind. Es geht aber nicht nur um die Zahl qualifizierter Ärzte, sondern vielmehr darum, wie gut sie in „Comprehensive Care-Strukturen“ eingebettet sind. In der Versorgung von unheilbar kranken Krebspatienten sind multiprofessionelle Teams tätig, bestehend aus Operateuren, Strahlentherapeuten, internistischen Onkologen, Radiologen, Pathologe und vielen mehr. Sie müssen für die rechtzeitige palliativmedizinische Versorgung sensibilisiert werden.

Warum ist das so wichtig?
Viele Patienten sind besonders am Lebensende ambivalent. Wir erleben es relativ häufig, dass ein unheilbar kranker Patient seinem behandelnden Onkologen sagt, es gehe ihm mit der Chemotherapie wunderbar; eine halbe Stunde später im Palliativberatungsgespräch wirkt er gedrückt und erzählt, dass er sich seine Grabstätte auf dem Friedhof ausgesucht hat. Wohlgemerkt, beides ist authentisch und macht Therapieentscheidungen am Lebensende komplex. Unsere medizinischen Strukturen sind nicht dafür gerüstet.

Ist die besondere Situation von Patienten am Lebensende denn gut genug in Studien untersucht?
Wir haben in unserer Leitlinienarbeit klar zeigen können, wo es gute Evidenz gibt und wo noch Nachholbedarf besteht. Tatsächlich sehen wir die Notwendigkeit für mehr Forschung, sowohl für Therapiestudien als auch für Versorgungsforschung. Für das Defizit gibt es verschiedene Gründe: Bei Forschungsfragen, die nicht im Zusammenhang mit neuen Medikamenten oder Therapien stehen, ist das Interesse der Industrie an einer Studienfinanzierung gering. Außerdem erfolgt die Versorgung am Lebensende oft dezentral, also zum Beispiel im häuslichen Umfeld. Da ist es schwieriger, eine vernünftige Studienstruktur aufzubauen. Mittlerweile haben wir aber genügend Kompetenz, um solche Studien betreuen zu können, sei es über die palliativmedizinischen Lehrstühle, über die Kooperation mit dem Deutschen Netzwerk Versorgungsforschung oder über Netzwerke im ambulanten Bereich.

Ist es nicht schwierig, Menschen am Lebensende auch noch mit der Teilnahme an einer Studie zu behelligen?
Hier ist in der Tat eine andere Methodik als sonst üblich gefragt: weg von reinen Interventionsstudien, hin zu einem qualitativen Ansatz, bei dem auch die Angehörigen einbezogen werden. Wir brauchen mehr situationssensible Studien genau für diese Patientengruppe. Auch darüber werden wir auf dem DKK 2018 diskutieren.