Presse-Newletter 2 (Januar 2018)

Qualität trotz Pflege im Akkord?

Kerstin Paradies
Quelle: privat

Die Patientenzahlen steigen seit Jahren, die Zahl an Pflegekräften stagniert: das Pflegepersonal in Deutschland arbeitet vielerorts am Limit. Im Interview erläutert Kerstin Paradies, Pflegeexpertin und Sprecherin der Konferenz Onkologischer Kranken- und Kinderkrankenpflege (KOK) in der Deutschen Krebsgesellschaft, die Arbeitsbedingungen der Pflege in der Onkologie.

Frau Paradies, wie unterscheidet sich die Pflege in der Onkologie von der normalen Pflege?  
Krebstherapien erfordern oft ein besonderes Nebenwirkungsmanagement und entsprechende Unterstützung. Wenn die Erkrankung nicht mehr heilbar ist, sind spezielle lindernde Maßnahmen gefragt. Dazu kommt die psychische Ausnahmesituation von Krebspatienten. Bei Fragen der Betroffenen ist die Pflege meist der erste Ansprechpartner. Pflegekräfte müssen deshalb so ausgebildet sein, dass sie angemessen reagieren und ihre Funktion als Schnittstelle zum Arzt, zum Psychoonkologen oder anderen wichtigen Spezialisten optimal ausfüllen können.

Hat sich das Aufgabenspektrum der onkologischen Pflege in den letzten Jahren verändert?   
Definitiv. Die Neuerkrankungsraten sind auf 500.000 Krebsfälle jährlich gestiegen. Die Behandlungsstrategien sind komplexer als noch vor wenigen Jahren und erfordern mehr Fachlichkeit und Expertise, auch von der Pflege. Gerade ältere Krebspatienten weisen oft zahlreiche Begleiterkrankungen auf. Sie haben in der Therapiesituation komplexe Bedürfnisse und mehr Gesprächsbedarf.

Wie wird man onkologische Fachpflegekraft?
Pflegekräfte können sich dafür qualifizieren, indem sie erfolgreich eine zweijährige onkologische Fachweiterbildung absolvieren. Leider führt der Pflegenotstand dazu, dass onkologische Fachpflegekräfte oft nur eingeschränkt für die Aufgaben eingesetzt werden, für die sie weitergebildet sind. Im Krankenhaus geht es in erster Linie darum, den Stationsbetrieb aufrechtzuerhalten. Im ambulanten Bereich findet man onkologische Fachpflegekräfte aus Kostengründen meist nur in sehr großen Praxen.

Sie sprechen den Pflegenotstand in Deutschland an. Müssen wir mehr in die Grundpflege oder in die spezialisierte Pflege investieren?
In beides. Einer Statistik der Stiftung Patientenschutz zufolge stieg die Zahl der Krankenhausärzte in den vergangenen 25 Jahren um 66 Prozent an. Die Zahl der Vollzeitpflegekräfte in den Krankenhäusern nahm im gleichen Zeitraum hingegen leicht ab. Und das, obwohl die Patientenzahlen zunehmen und die Pflege im Schnitt länger mit den Patienten Kontakt hat als der Arzt. Die Häuser müssen definitiv mehr in die Pflege investieren. Eine einseitige Stärkung der Grundpflege würde aber die Versorgungslücke nicht beheben. Denn der spezielle Bedarf, etwa in der Onkologie, ist ja evident. Wir plädieren daher auch für eine dem Bedarf der Patienten entsprechende Erhöhung der Fachpflegeschlüssel, sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich.

In vielen anderen Ländern geht der Weg zur Pflege über ein Hochschulstudium. Wie sehen Sie die Akademisierung der Pflege?
Aus meiner Sicht löst sie nicht den Pflegenotstand. Jedenfalls nicht, solange sich die akademische Qualifizierung nicht auch im Gehalt widerspiegelt. Ich finde es aber gut, wenn angehende Ärzte und Pflegekräfte einen Teil ihrer praktischen Ausbildung gemeinsam absolvieren. Das stärkt das Verständnis für den jeweils anderen Berufsstand. Darüber hinaus sollten wir uns aber mehr auf die pflegerische Weiterqualifizierung konzentrieren.

Wie wird der Pflegeberuf attraktiver?
Weniger Zeitdruck, dazu gute Karrierechancen. Im Bereich Onkologie wäre die Harmonisierung der pflegerischen Weiterqualifizierung ein Anfang. Derzeit liegt die Hoheit für die Weiterbildung zur onkologischen Fachpflegekraft bei den Bundesländern. Onkologische Fachpflegekräfte aus verschiedenen Bundesländern führen deshalb zum Teil unterschiedliche Berufsbezeichnungen, dazu kommen Fachpflegekräfte, die auf einzelne Krebsarten spezialisiert sind. Im ambulanten Bereich werden Aufgaben der onkologischen Fachpflege oft an speziell weitergebildete Assistenzberufe delegiert, obwohl deren Weiterbildung dort deutlich weniger umfangreich ist. Das erschwert eine faire Gehaltseinstufung. Beim Abbau des Zeitdrucks geht es nicht nur um mehr Pflegekräfte, sondern auch um Verbesserungen von Arbeitsabläufen und möglicherweise um neue Formen der Arbeitsteilung. Darüber müssen wir diskutieren.