Presse-Newletter 1 (Dezember 2017)

Moderne Diagnostik als Schlüssel zur Präzisionsmedizin

Zu den Schwerpunkten des DKK 2018 zählt unter anderem die moderne onkologische Diagnostik. Welche Entwicklungen zeichnen sich hier ab, welche Chancen ergeben sich daraus für die Behandlung, und wie greift der Kongress diese Themen auf? Hier finden Sie Antworten unserer Experten:

Prof. Dr. Heinz-Peter Schlemmer (Arbeitsgemeinschaft Bildgebung in der Onkologie der DKG)
Prof. Dr. Heinz-Peter Schlemmer
Quelle: privat

Herr Professor Schlemmer, welche Fortschritte verzeichnet die onkologische Diagnostik derzeit?
Mittlerweile sind bildgebende Verfahren verfügbar, die zusätzlich zu den anatomisch-morphologischen Informationen eines Tumors auch seine funktionellen Eigenschaften erfassen können. Nehmen Sie zum Beispiel das Prostatakarzinom. Knapp 70.000 Männer erkranken jährlich daran neu. Wenn der Tumor neu diagnostiziert wird, lautet die entscheidende Frage: Wächst er rasch und aggressiv − dann muss unbedingt behandelt werden − oder kann man aufgrund eines niedrigen Risikoprofils zunächst mit der Behandlung abwarten? Die multiparametrische Magnetresonanztomographie, mpMRT, ist das derzeit empfindlichste bildgebende Verfahren, um die Anatomie eines Prostatakarzinoms darzustellen. Sie liefert zudem wichtige funktionelle Informationen, etwa über die Durchblutung des Tumors und seine Zelldichte, was wiederum Hinweise auf die individuelle Aggressivität gibt. Diese Ergebnisse tragen zu einer besseren Risikoabschätzung bei und ermöglichen eine gezielte Stanzbiopsie. Auf dem DKK 2018 werden wir die Chancen und Grenzen der mpMRT beim Prostatakarzinom in verschiedenen Sitzungen behandeln.

Wo liegen denn die Grenzen der mpMRT?
Etwa beim Staging, wenn es darum geht, herauszufinden, ob der Krebs bereits in die Lymphknoten gestreut hat. Eine Computertomographie oder MRT identifiziert befallene Lymphknoten nur, wenn sie bereits eine bestimmte Größe erreicht haben. Bessere Resultate lassen sich durch die Kombination mit der Positronenemissionstomographie, kurz PET, erzielen. Die PET-MRT-Hybridbildgebung ist ein sehr aussichtsreiches Zukunftsfeld.

Prof. Dr. Bernd Krause (Arbeitsgemeinschaft Bildgebung in der Onkologie der DKG)
Prof. Dr. Bernd Krause
Quelle: privat

Herr Professor Krause, welche Rolle spielt die molekulare Hybridbildgebung in der Onkologie?
Die molekulare Hybridbildgebung ist ein ausgesprochen empfindliches Verfahren, das andere überwiegend anatomisch-morphologisch ausgerichtete Bildgebungsmethoden ergänzt. Wir nutzen dafür Hybridgeräte, in denen nuklearmedizinische Detektoren, sogenannte PET-Scanner, mit der Computer- oder der Magnetresonanztomographie kombiniert sind. Mit dieser Technologie lassen sich selbst sehr kleine Tumoren im Körper sichtbar machen und genau lokalisieren. Voraussetzung dafür sind allerdings geeignete PET-Tracer, radioaktiv markierte Substanzen, die beim Zerfall ein Signal aussenden, das vom PET-Scanner erfasst wird.

Ist der Einsatz dieser radioaktiv markierten Tracer nicht belastend für den Patienten?
Weil man mit sehr geringen Dosen von Tracer auskommt, ist das Verfahren sehr gut verträglich. Die PET-Diagnostik in der Onkologie macht sich meist den erhöhten Grundumsatz von Tumoren zunutze. Manche Tumoren, wie etwa die frühen Stadien des Prostatakarzinoms, sind aber nicht sehr stoffwechselaktiv. Deshalb nutzen wir mittlerweile neuartige Tracer, die das prostataspezifische Membranantigen, kurz PSMA, erkennen. PSMA ist derzeit eine der interessantesten Zielstrukturen für die spezifische Diagnostik und gezielte Therapie beim Prostatakarzinom, vor allem bei einem Rückfall. Auch dazu wird es auf dem Kongress eine entsprechende Sitzung geben.

Das heißt, die neuen Tracer sind auch für die Therapie interessant?
Richtig, es geht um Theranostics, also um die enge Verzahnung von Diagnostik und Behandlung. Statt einen Positronenstrahler einzusetzen, wie er für die PSMA-PET-CT-Diagnostik benötigt wird, kann man auch mit dem Betastrahler 177Lu arbeiten und erhält dann eine therapeutisch aktive Substanz, die gezielt am Tumor bindet, Beta-Strahlen aussendet und so die Tumorzellen zerstört. Die Reichweite dieser Strahlung beträgt nur wenige Millimeter, deshalb wird das gesunde Gewebe weitgehend geschont. Momentan werden diese Radiopharmaka zur Therapie in Studien erprobt.

Prof. Dr. Christoph Röcken (Arbeitsgemeinschaft Onkologische Pathologie der DKG)
Prof. Dr. Christoph Röcken
Quelle: privat

Herr Professor Röcken, wie kann die molekulare Pathologie die moderne Bildgebung ergänzen?
Grundsätzlich geht es dabei weniger um eine genauere Diagnose, sondern eher um die Therapieoptimierung. Angenommen, ein Patient stellt sich mit einem vergrößerten Halslymphknoten vor. Im Rahmen der Routinediagnostik wird der Lymphknoten biopsiert – die histologische Untersuchung lässt auf ein Plattenepithelkarzinom schließen. Aber der Primärtumor ist mit den üblichen bildgebenden Verfahren nicht auffindbar. Die Diagnostik bei einem solchen CUP-Syndrom ist echte Detektivarbeit: Im nächsten Schritt würde man eine hochempfindlichen PET-CT-Untersuchung durchführen, um den Primärtumor doch noch aufzuspüren. Bei der weiteren Diagnostik kommt die molekulare Pathologie ins Spiel. Denn an der Entstehung von Tumoren im Mund-Rachen-Raum sind häufig humane Papillomviren, HPV, beteiligt, deshalb ist in diesem Fall eine HPV-Diagnostik sinnvoll. Fällt sie positiv aus, dann würde man der kombinierten Radiochemotherapie den Vorzug vor einer operativen Behandlung geben.

Wie gut ist die molekulare Genetik denn heute schon in die Versorgung integriert?
In der Tat steigt derzeit der Bedarf an molekularen Tumorboards. Dort kommen Kliniker, Molekulargenetiker, Bioinformatiker und Pathologen zusammen, um gemeinsam unter besonderer Berücksichtigung der molekularen Ergebnisse die bestmögliche Therapie für einen Patienten und seinen Tumor zu finden. Besonders beim Einsatz der personalisierten Medizin ist die molekulare Genetik gefragt. Mit ihrer Hilfe lassen sich zum Beispiel genetische Veränderungen finden, die einer zielgerichteten Therapie zugänglich sind. Auch die Entwicklung von genetisch bedingten Resistenzen kann dabei frühzeitig erkannt und die Therapie entsprechend angepasst werden.

Prof. Dr. Thomas Wiegel, Kongresspräsident des DKK 2018
Prof. Dr. Thomas Wiegel
Quelle: privat

Herr Professor Wiegel, Sie selbst sind Radioonkologe. Wie hat sich die Strahlentherapie durch diese diagnostischen Fortschritte verändert?
Die moderne Präzisionsmedizin ist ohne diese Fortschritte nicht denkbar. Jede Strahlentherapie zielt auf eine möglichst präzise Bestrahlung des Tumors bei weitgehender Entlastung des umgebenden Gewebes ab. Die Bestrahlungsplanung hat dabei eine wesentliche Bedeutung. Zunächst wird ein spezielles Planungs-CT angefertigt, in das sämtliche diagnostischen Untersuchungen hineinfusioniert werden können. So lässt sich die Tumorregion exakt erfassen. Anhand dieser Information erstellt ein Medizinphysiker einen individuellen Bestrahlungsplan, in den die Vorgaben des Strahlentherapeuten zur gewünschten Einzel- und Gesamtdosis sowie zur möglichen Dosisbelastung für das umliegende Risikogewebe einfließen. Durch den Einsatz dieser modernen Techniken lässt sich der Tumor mit höheren Dosen als früher bestrahlen und das umliegende Gewebe wesentlich besser schonen.

Wie bildet der DKK 2018 diese Fortschritte ab?
Eine bessere Bekämpfung des Tumors bei gleichzeitiger Senkung schwerer Spätfolgen ist für viele Tumorarten belegt. Entscheidend ist, dass wir den Einsatz der verschiedenen therapeutischen Möglichkeiten interdisziplinär diskutieren. Diese Interdisziplinarität ist die Grundlage für den Krebskongress, das lässt sich an der Besetzung der wissenschaftlichen Sitzungen leicht erkennen. Wir haben ein sehr spannendes Programm – die Teilnahme lohnt sich.

Das Interview in modifizierter Form finden Sie auch im Mitgliedermagazin FORUM der Deutschen Krebsgesellschaft, Ausgabe 6/2017.